um 4:30 Uhr bin ich aufgewacht, draußen ist es schon taghell – erinnerte mich sehr an Nordnorwegen vor zwei Jahren, wo es im Sommer nie dunkel wird
Die Luft ist super, wir haben das Fenster auf, und die ganze Nacht frische Kaukasus Luft
Ich schlafe weiter bis 7:30 Uhr
Die Sonne scheint, ich hänge die Motorradjacke und die Hose ans Motorrad zum Trocknen, und die Stiefel ebenfalls
Wir schalten unsere Rechner an und planen über Google Maps die nächsten Tage
Da Louis ein Dreivierteljahr Auszeit hat, war unser Plan uns in Norwegen dann zu trennen – er macht dann sein eigenes Ding über Norwegen, während ich so schnell wie möglich über Schweden heim fahren muss
Aufgrund der gesamten Situation hier in Russland macht er sich seit zwei Tagen Gedanken, ob er nicht nach Kasachstan fährt, vielleicht noch Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan…
Das heißt, wir würden uns schon viel früher trennen und ich würde Russland dann alleine machen
Mal schauen, was die Zeit so bringt
…
Vor allem suchen wir jetzt schon nach Hotels auf unsere heutigen Strecke, es gibt allerdings nur zwei in circa 250 km – aber das passt
Auf den nächsten 50 km kommen vier Tankstellen, danach 150 km nichts
Ein Tschetschene lädt mich zum Kaffee ein, die Unterhaltung läuft sehr schwierig
Die Tankstelle hier im Ort hat angeblich offen, sagt er, das probieren wir nachher gleich aus
Bis auf die Handschuhe ist alles trocken geworden
Die Chefin zeigt uns noch ihr Museum, mit uralten Waffen, traditionelle Kleider…
Danach dürfen wir sogar noch ein Bild mit ihr machen, natürlich muss zuerst das Kopftuch zurecht gerückt werden
Gegen 10:30 Uhr fahren wir los, 200 m zur Tankstelle
Es gibt Benzin, wir tanken je 8 l voll
Den Weg, den wir gestern in strömenden Regen gefahren sind, fahren wir jetzt in die andere Richtung bei herrlichem Sonnenschein
Ich höre meine Werkzeugbox immer wieder am Hinterreifen streifen
Plötzlich höre ich ein Geräusch und sehe im Rückspiegel den Verschlussdeckel der Werkzeugbox davon fliegen
Wir halten an
Ich dachte mir schon, dass die Werkzeugbox nicht ewig hält
Ich hole alles raus und verteile es in die Koffer
Da die Werkzeugbox aufgeplatzt ist, klebe ich sie mit Panzertape zusammen, in der Hoffnung es streift nicht mehr
Wir fahren weiter durch das herrliche Kaukasusgebirge
Bei jeder starken Bodenwelle höre ich wieder die Werkzeugbox am Hinterreifen streifen
Ich denke, ich werde sie heute Abend abbauen müssen
Wir fahren an einem Mini Supermarkt an der Straße raus und kaufen zu essen und zu trinken
Die Frauen versuchen, mit uns zu reden – sehr schwierig
Schade, dass ich Englisch in der Schule lernen musste, anstatt Russisch
Wir fahren weiter zu unserem nächsten Ziel, die Schlucht…
Eigentlich sind die Straßen echt gut, der Teer hat gut Grip, nur kommen hin und wieder die Bodenwellen
Manchmal sieht man die Bodenwellen gar nicht, dann tut es halt plötzlich einen Schlag
Auf die Frage hin, wie die Schlucht heißt, antwortet Louis „nicht aussprechbar“
Wir biegen von der Hauptstraße ab, und die letzten 3 km geht es offroad, Schotter- und Dreckpiste
Aber genau das haben wir vor zwei Wochen gelernt
Louis stellt 100 m weiter seine Kamera auf und wir fahren dann dran vorbei
Ist wirklich nicht einfach mit 450 Kilo über Schotter zu fahren
Aber je schneller man fährt, desto einfacher wird es
Nach guten 2 km hört die Schotterpiste auf einmal auf
Wir steigen ab, schauen uns die Lage an und merken, dass es wirklich nicht weitergeht
Wir drehen um und fahren die Schotterpiste zurück
Wir halten wieder an der gleichen Position von vorher und laufen ein Stück den Berg runter, den man unmöglich fahren kann
Man sieht von oben ein wenig die Schlucht, ist aber leider nicht so schön wie auf den Bildern im Internet
Wir beschließen zurückzufahren
wir fahren 30 km den Weg zurück und müssen dann links abbiegen zu unserer geplanten Tour und dem Hotel
Leider ist die Straße gesperrt, warum, haben wir nicht verstanden
Wir recherchieren und Louis findet eine andere Möglichkeit zum Aussichtspunkt zur Schlucht
Wir halten an einer offenen Tankstelle, und jeder macht den Tank mit 6,5 Liter voll
Wir fahren 27 km und finden tatsächlich den Aussichtspunkt zur schönen Schlucht runter
Wir machen ein paar Bilder, gehen dann zurück zu unseren Motorrädern und steuern Machatschkala, die Hauptstadt Dagestans, an
Louis hat dort auch schon ein Hotel gefunden, direkt am kaspischen Meer
In der Hoffnung, das GPS funktioniert bis zum Hotel
Wir machen uns auf den Weg der letzten 84 km durch das wunderschöne Land
Heute ist es selbst auf der Landstraße schlimm mit dem Verkehr
Die fahren so dicht auf, überholen so dicht an einem vorbei – Katastrophe
Wir kommen der Stadt immer näher und das GPS funktioniert weiterhin
Von weiten sieht man schon die Größe der Stadt, sehr groß
Wir kommen in die Stadt und es ist gefühlt Feierabendverkehr
Auch hier wird geschnitten, dicht aufgefahren, und überall hupt es
Ich bin schon zweimal mit dem Motorrad in die Innenstadt von Istanbul rein gefahren, aber das hier ist gefühlsmäßig schlimmer
4 km vor dem Hotel flucht Louis über das GPS – weg!!!
Scheiße…
…
Dann ist es plötzlich wieder da, dann wieder weg, und wieder da
Es hakt… aber schließlich finden wir das Hotel
Absteigen, ausziehen, reingehen
Aber Google Übersetzer fragen wir nach einem Zimmer – nichts frei, wir sollen zum Metropol gehen
Ok… anziehen, aufsteigen und in den Feierabendverkehr wieder einordnen
5 Minuten später finden wir das Metropol, absteigen, ausziehen, reingehen
Kein Zimmer frei
Louis googelt das nächste Hotel
anziehen, aufsteigen und in den Feierabendverkehr wieder einordnen
Das nächste Hotel angefahren, absteigen, ausziehen, reingehen
Kein Zimmer frei
Es ist 20:30 Uhr und wir sind ziemlich fertig
Hotels gibt es genügend
Wir fahren das vierte Hotel an, die gleiche Scheiße!!!
Mein Vorschlag: wenn das fünfte Hotel nichts wird, essen wir ganz gemütlich irgendwo was und fahren raus aus der Stadt und schlafen im Freien
Wir fahren das fünfte Hotel an und siehe da…
…
… auch kein Zimmer frei
Ich bin am Ende und Louis am Fluchen
In der Zwischenzeit ist es Nacht
Louis hat noch ein paar Hotels im Handy auf Lager
Mir ist es zu viel, schon wieder anzuziehen, aufzusteigen und das nächste Hotel in diesem katastrophalen Verkehr zu suchen
…
Von vorne kommen zwei Afghanen auf mich zu
Keine Hunde, sondern zwei Menschen aus Afghanistan, und geben mir die Hand
Sie wollen uns helfen
Sie rufen den Vetter von dem einen an, der perfekt Deutsch spricht
Er sagt zu mir, ich kann mich auf seinen Vetter verlassen, er wird ein Hotel für uns finden
Und anscheinend hat er wirklich eins gefunden
1,1 km entfernt
Louis googelt und findet den Weg
Die beiden Afghanen laufen los und wir mit den Motorrädern, dort treffen wir uns
Zu viert gehen wir zur Rezeption, die tatsächlich ein Zimmer für zwei Nächte haben
Wir brauchen eine Auszeit, und morgen mal so gut wie nichts tun
Wir sehen von dem Hotel zwar noch nicht viel, aber es ist ein Luxushotel, der Strand vor der Haustür, direkt am kaspischen Meer
Nicht weit weg von Aserbeidschan und auf der anderen Seite vom Meer ist Kasachstan
180 € für zwei Nächte mit Frühstücksbuffet – wir sind gespannt
Das Zimmer ist klasse, das Bad luxuriös
Wir duschen und vespern dann auf dem Zimmer unsere Notfallreserven – diese müssen wir morgen dann auf jeden Fall wieder auffüllen
Als ich mich mit dem WLAN verbinde, sprudeln plötzlich WhatsApp Nachrichten rein – das Hotel hat wohl einen eigenen VPN
Heute Abend machen wir nicht mehr viel, der Tag war aufregend genug
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